Altvorderer Großvater der 8. Generation meiner Frau väterlicherseits war Johannes Wendelin Kirchner,
Orgelmacher, Bürgermeister und Ratsschöffe, * 19.03.1628 Kiedrich, +09.04.1709 Kiedrich.

                                                                                                  

                                                                                                 Im Windkasten der Hauptwerkslade

                                                                                                    folgende Pergament-Inschrift:

                                                                                                  "D.JOANNES WENDELINUS

                                                                                                    KIRCHNER ORGELMACHER 1653"

 

Auszug aus der Chronik über die Kirchengeschichte Bad Marienberg (1996, Bd. 4, S. 210 f.):


"Die Orgel stammte von dem Orgelbauer Johann Wendelin Kirchner aus
Kiedrich im Rheingau, der sie 1658 in die Kirche einbaute und sich drei Jahre lang als Schullehrer in Marienberg aufhielt. Über den Orgelbauer ist bekannt: Er wurde am 19. März 1628 in Kiedrich im Rheingau getauft, lebte dort und war seit um 1650 verheiratet. Das Handwerk  hatte er bei dem Orgelmacher Georg Geißel in Mainz gelernt. Geißel zählt zur Mainzer Orgelbauer-Schule, die sich im 17. Jahrhundert herausgebildet hatte und mit ihm ihren Höhepunkt erreichte. Kirchner führte an mehreren großen Orgeln Reparaturen durch, so in der Valentinuskirche in Kiedrich, in der Kirche St. Peter und Paul in Eltville, in der           St. Mauritiuskirche Wiesbaden und in der Stephanskirche Mainz.

Bevor er nach
[Bad] Marienberg kam, hatte er sich an einem Ort in der Kurpfalz aufgehalten, um dort ein Orgelwerk zu bauen, danach war er fast ein Jahr lang in Herborn gewesen, vermutlich zum gleichen Zweck. Auch für die Schlosskapelle in Dillenburg hatte er eine Orgel geschaffen.

Nach der Fertigstellung der Marienberger Orgel erhielt er 1660 noch den Auftrag zur Anfertigung der Weiberstühle für die Kirche. Kirchner erklärte sich bereit, drei Jahre lang als Schullehrer in Marienberg Dienst zu tun und den Glöckner- und Organistendienst nebenbei unentgeltlich zu versehen. Vermutlich tater dies, damit er während dieser Zeit die von ihm gebaute neue Orgel weiter betreuen konnte. Dem bisherigen Lehrer in Marienberg traute man dies nicht zu, denn er galt als ziemlich unzuverlässig. So wird berichtet, daß er z.B. 'die meiste  Zeit die Kirche offenstehen' ließ und außerdem zu klein war, um die Glocke zu läuten und die Uhr aufzuziehen. Dagegen beurteilte Pfarrer Helvetius den Orgelbauer Kirchner ungewöhnlich gut: 'Dieser aber ein feiner junger ansehnlicher, beredter und erfahrener man ist, zu allen diesen sachen zu verrichten wol tüchtig, dessen ohn allen zweiffel manniglich ihme zeugnus geben wirt, wie er auch so viel ein musicus, das er alle psalm Davidts nach den noten schlagen kan, wen welchen man dem kirspel viel
gelegen, wan sie solchen haben könten.'
                             
 Kirchner war allerdings katholisch. Aber sein Vater war lutherisch gewesen, und Pfarrer Helvetius konnte bestätigen, daß der Orgelbauer während der Zeit, die er bis dahin in Marienberg verbracht hatte, sich fast eher wie ein Reformierter verhalten habe, 'dann er mönchen und pfaffen wenig lobt wegen ihres lebens.
Kirchner, der seinen Hof in Kiedrich auf drei Jahre verpachtet hatte, bekam die Stelle als Schulmeister in Marienberg übertragen und versah etwa von 1661 bis 1663 den Schuldienst und auch das Organisten- und Glöckneramt. Nachdem er in seinen Heimatort im Rheingau zurückgekehrt war, trauerte man ihm sehr nach, denn sein Nachfolger, der Sohn des einheimischen Bürgers Krumm, hatte das Lehramt nicht nur 'mit allem wiederwiellen, auch höchster versäumnuß versehen', sondern auch eine Glocke zerbrochen. Der Kirchspielschultheiß Tönges Zehrung von Marienberg bemühte sich 1666 darum, Kirchner wieder nach Marienberg zurückzuholen. Dies war allerdings vergeblich, denn Kirchner war mittlerweile in Kiedrich zum Bürgermeister gewählt worden. 1673 trat er vom Bürgermeisteramt zurück, weil er sich verpflichtet fühlte, die von ihm reparierte Kiedricher Orgel, die noch immer Mängel aufwies, gründlich instandzusetzen. Die Kiedricher Orgel existiert noch heute; sie gilt als die älteste noch bespielbare Orgel Deutschlands. 1680 kam Kirchner wieder nach Marienberg, um die Orgel zu renovieren... 1701 kam Kirchner noch einmal nach Marienberg, um die Orgel zu reparieren. Er starb am 9. April 1709. Seine beiden Söhne wurden auch Orgelbauer."

                                                                                                                             Bild links: Orgel der Pfarrkirche St. Valentin und Dionysius zu Kiedrich  

                                                                                                              Bild rechts: Marktplatz Kiedrich mit Kirche, Gemälde Röhler, 1887

                                                                                                  

                                                                                                              Derzeitige  FRAGESTELLUNGEN

Über den Vater des Orgelmachers Johannes Wendelin Kirchner war bisher nur bekannt, dass er um 1590 geboren wurde, ursprünglich lutherischer Konfession und von Beruf Schreiner war. Es ist wahrscheinlich, dass er in Kiedrich zum katholischen Glauben konvertierte, um hier als Bürger aufgenommen und seinen Beruf ausüben zu dürfen. Verheiratet war er in 1. Ehe mit der um 1594 geborenen Maria Catharina Köhler [Köler], wahrscheinlich auch Keller, der Tochter von Johann Köhler [Köler] bzw. Keller und Maria Catharina. Zeitpunkt und Ort der Eheschließung sind nicht bekannt. Ältester bekannter Sohn war vorgenannter Orgelmacher Johannes Wendelin. Nach dem Tode von Maria am 25.12.1640 ehelichte Johannes am 18.02.1642 die etwa um 1620 geborene Witwe Othilia Imhof.

Über die Herkunft des Vaters von Johannes Wendlin wurde bisher angenommen, dass er aus Böhmen oder Thüringen stammt. Folgende Indizien sprechen nun für die Annahme, dass der Schreiner Johannes von Erfurt stammt:

1. Das bisher aufgrund des Sterbeeintrages errechnete Geburtsjahr 1590 = 1584 (~03.04. Predigergemeinde Erfurt).
2. Die Angabe der luth. Konfession - Predigergemeinde war lutherisch..
3. Im Bürgerbuch Erfurt nicht verzeichnet (müsste demnach im Alter von 20-25 Jahren nicht mehr in Erfurt gewesen und schon vor dieser Zeit in Kiedrich eingewandert sein).
4. Die familiäre (soziale bzw. geschäftliche Nähe) der elterlichen Familie des "Seylers" Hans Kirchner zur Glockengießerfamilie Möring [Möhring] in Erfurt.
4.1 Der Seiler Hans Kirchner könnte Glockenseile hergestellt haben. Aus dieser Verbindung möglicherweise die bekannten Patenschaften (zweimal Möring)
4.2 Möglich auch, dass die Frau des Seilers eine geborene Möring war, evtl. die Schwester des Paten und Glockengießers Melchior Möring. Wahrscheinlich hat auch diese  Familie nach dem frühen Tod der Eltern die 3 (?) unmündigen Kinder aufgenommen und Johannes das Schreinerhandwerk erlernen lassen. Da die Glockengießereien auch die Aufhängung der Glocken besorgten und hierfür eigene Schreiner ausbildeten bzw. anstellten, ist anzunehmen, dass hier ein beruflich-familiärer Zusammenhang besteht. Vorsorglich sollte alternativ auch bedacht werden, dass über eine familiäre bzw. geschäftliche Beziehung Johannes das Schreinerhandwerk auch bei der bekannten Orgelmacherfirma Compensius in Erfurt erlernte, woraus sich auch ein Kontakt zum Orgelmacher Geißel in Mainz, bei dem Johannes als Schreiner beschäftigt gewesen sein dürfte, entwickelte und sich hieraus möglicherweise auch die bekannte Orgelmacherlehre seines Sohnes Johannes Wendelin vermuten lässt.

 

                                                                                                             Genealogische Veröffentlichungen

Kuriose Begegnung mit Ahnen aus dem 13. Jahrhundert; In: Wiesbadener Kurier v. 12.04.1999 (Familienforschung im Rheingau, Rheinhessen, Nordhessen und Süd-Niedersachsen.

Orgeln von Kiedrich bis Mainz ; In: Wiesbadener Kurier v. 19.08.2003, S. 6 (Kurier-Redakteurin Inge HEINZ berichtet über die Forschungsergebnisse von Hermann NOBEL nach dem Ahnherrn seiner Frau, dem bekannten Rheingauer Orgelbauer Johannes Wendel Kirchner, *1628 Kiedrich, +1709 Kiedrich).

Familienforschung - exemplarisch dargestellt betr. Orgelmacher Johann Kirchner, Kiedrich; In: HR3-Fernsehen "Bilderbogen" am 11.01.2006, 20.45 Uhr, Wiederholung 12.01.2006, 13.00 Uhr.

 

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